[bits] Die ARD öffnet sich – ein bißchen

Hallo,

ich gehöre ja zu den glücklichen Menschen, die noch nie Whatsapp nutzen mussten. Ich fand den Dienst von Anfang an suspekt, die meisten Nutzenden haben sicher schon gut verdrängt, dass Whatsapp durch diverse Datenschutz- und IT-Sicherheitsskandale bekannt und erfolgreich geworden ist.

Ich bin aber auch privilegiert und kann mir den Boykott auch nur leisten, weil der Großteil meines Freundes- und Bekanntenkreis eher Datenschutz-bewusster ist und es tolle Alternativen wie Threema und Signal gibt. Letzteres funktioniert auch so gut und einfach, dass mittlerweile alle älteren Verwandten Signal auf ihren Smartphones haben, damit sie mit mir kommunizieren können. Es geht, wenn man will und kann.

Aber mir ist bewusst, dass zwei Milliarden Menschen auf der Welt Whatsapp nutzen und die Infrastruktur der Plattform ganze Gesellschaften beeinflusst. Und das ist ein Problem, nicht nur weil Facebook hinter Whatsapp jederzeit einseitig die juristischen und technischen Regeln ändern kann und das auch manchmal tut. Und über die Verbindungsdaten sehr genau weiß, wer mit wem wann wo und wie intensiv kommuniziert. Da freut sich nicht nur die NSA.

Sondern es ist vor allem ein Problem, weil wir als Gesellschaften noch nicht gelernt haben, mit so einem Werkzeug verantwortlich umzugehen. Und Facebook wenig Interesse hat, die Plattform so zu designen, dass sie dem Wohl von Gesellschaften zugute kommt. Stattdessen wird sie auf Mechanismen getrimmt, wo der Aktienwert von Facebook im Vordergrund seht, was in der Regel leider nun mal diametral zu dem ersten Ziel steht, auch wenn die Marketingabteilung was anderes verspricht.

Der Guardian hat einen langen Hintergrund zu genau diesen Fragen publiziert: What’s wrong with WhatsApp.

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Die ARD veröffentlicht im Sommer „ausgewählte Audioangebote“ unter einer Creative-Commons-Lizenz. Das wäre jetzt die Top-Meldung gewesen – wenn wir 2005 oder vielleicht noch 2010 hätten. Aber wir haben heute und rückblickend muss man fragen, warum das so lange gedauert hat? Darüber könnte man sicher ein Buch schreiben. Ich hab mich zehn Jahre lang ehrenamtlich für die Verbreitung und Nutzung der offenen Lizenzen engagiert und die mangelnde Adaption durch den Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunk war eine nie endende frustrierende Geschichte.

Aber heute ist die Nutzung auch besser als nichts. Nur ist es schade, dass man die restriktivste aller Creative-Commons-Lizenzen verwendet hat, die keine Weiterbearbeitung erlaubt und nicht kompatibel zur Wikipedia ist. Aber zumindest ist das mal ein klitzekleiner Schritt in Richtung Modernisierung und Anpassung an den Netz-Alltag. Ab demnächst können dann die wenigen Inhalte, die darunter fallen, auch mal legal in der Bildung genutzt werden.

Dann ist in den Inhalten, zu denen auch der NDR-Drosten-Podcast gehören soll, die Erlaubnis eingebaut, diese zu nicht-kommerziellen Zwecken weiterzugeben. Das Urheberrecht untersagt das ja per Grundeinstellung (Alle Rechte vorbehalten), Creative-Commons-Lizenzen geben auf Basis juristischer Lizenztexte mehr Freiheiten (Einige Rechte vorbehalten).

Was 2020 moderner und toller gewesen wäre: Die Verwendung einer Creative-Commons-Lizenz, die auch das Weiterbearbeiten erlaubt, damit mehr von uns bezahlte Inhalte auch Wikipedia-tauglich werden und für offene Bildungsmaterialien benutzt werden. Wir haben sie immerhin bezahlt.

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Alexa, welche Daten sammelst Du eigentlich und wer greift darauf zu? In dieser Woche wurde das anschaulich von dem Funk-Kanal STRG_F in einer 20 Minuten langen Reportage aufgearbeitet. Die NDR-Reporterin Svea Eckert hat ihre eigenen Alexa-Interaktionen von einem NDR-Datenjournalisten auswerten lassen, der ihr dann berichtete, was er auf Basis dieser Daten über ihr Privatleben rausgefunden hatte. Und dann kommen auch noch deutsche Sicherheitsforscher:innen zu Wort, die Alexa und ähnlichen Konkurrenzmodellen in einem wissenschaftlichen Versuch viele Stunden Audio-Programm vorgespielt haben, um zu testen, wann die Geräte ohne Codewort mithören und das Gehörte abspeichern. Das kommt häufiger vor, als es die Werbung von Amazon und Co suggeriert.

Eine Zusammenfassung der Recherchen gibt es bei tagesschau.de zu lesen: Die lauschenden Lautsprecher.

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Jugendliche zwischen 16 – 18 Jahren sind laut der Postbank Jugend-Digitalstudie 2020 in diesem Jahr 71,5 Stunden pro Woche im Netz unterwegs. Im vergangenen Jahr waren es noch 58 Stunden, aber da musste die befragte Zielgruppe auch im Unterricht sitzen, wo in der Regel alles Digitale verboten ist. Ich frag mich ja, was die den Rest der Zeit machen? Muss das Smartphone aufgeladen werden? Sitzen sie in der U-Bahn mit einem Telekom-Vertrag oder wollen ihre Eltern, dass sie ihre Geräte beim Essen weglegen? Viele Fragen beantwortet die Pressemitteilung leider nicht.

Etwas ausführlicher geht ein aktuelles Paper des Berkman Klein Centers an der Harvard University auf die Frage ein, wie (US-)Jugendliche die digitale Wirtschaft erleben und darin agieren: Youth and the Digital Economy: Exploring Youth Practices, Motivations, Skills, Pathways, and Value Creation.

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Der Europäische Datenschutzbeauftragte hat die EU-Institutionen vor Datenschutzprobleme bei der Verwendung von Microsoft-Produkten gewarnt. Das ist relevant, denn allein die Europäische Kommission gibt jedes Jahr viele Millionen Euro für Microsoft-Lizenzen aus. Der Datenschutzbeauftragte kritisiert etwa, dass bei Datenabflüssen zu dem US-amerikanischen Unternehmen unklar sei, welche anderen Datenverarbeiter es gebe. Die Möglichkeiten zur Überprüfung der Datenverarbeitung bei Microsoft seien zudem beschränkt. Der Bericht des Datenschutzbeauftragten betont, die EU-Institutionen sollten sich den Ankauf weiterer Microsoft-Produkte oder ihre Verwendung für neue Zwecke zurückstellen, bis die Bedenken ausgeräumt seien.

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Die britische Wettbewerbsbehörde hat einen vielbeachteten Bericht veröffentlicht, der ausspricht, was viele Kartellwächter in Europa schon lange denken: Digitalkonzerne wie Google, Facebook und Apple haben zu viel Macht. Schon allein die immense Profitabilität der Konzerne lege nahe, dass sie keinem fairen Wettbewerb etwa im Markt für Online-Werbung ausgesetzt seien. Als Gegenmittel schlagen die Wettbewerbshüter neue Instrumente vor, etwa könnten die Firmen mit rechtlichen Mitteln dazu gezwungen werden, ihren Mitbewerbern Zugang zu ihren Plattformen zu gewähren. Der britische Bericht könnte auch einen gewissen Einfluss auf die Europäische Union ausüben, die derzeit an einer Reform des Wettbewerbsrechts mit speziellem Blick auf die Digitalwirtschaft arbeitet.

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Polizeien in immer mehr Staaten lagern Teile ihrer Arbeit an Firmen aus, die Kontrolle und Überwachung landet damit in privaten Händen, beklagt Privacy International. Ein neues Dossier der NGO fasst diese bedenkliche Entwicklung zusammen und gibt Beispiele, etwa jenes der chinesischen Telekomfirma Huawei, die in der serbischen Hauptstadt Belgrad im Auftrag der Behörden ein ganzes Netzwerk an Überwachungskameras zur biometrischen Gesichtserkennung installierte.

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Es heißt doch immer, dass Verschlüsselung böse sei, weil man keine Kriminellen mehr fangen könnte. In einer transnationalen Untersuchung haben Polizeibehörden offensichtlich den bei Kriminellen beliebten Krypto-Handy-Hersteller Encrochat gehackt und Millionen Nachrichten und Telefonate mitgelesen und -gehört. Und darüber dann in diversen Staaten Razzien und Verhaftungen eingeleitet. Vice Motherboard hat viele Details der Operation: How Police Secretly Took Over a Global Phone Network for Organized Crime.

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Der Reader „Öffentlich-Rechtliche Medien“ von Volker Grassmuck gibt „Auskunft zu einigen häufig gestellten Fragen“ zum Öffentlich-Rechtlichen System in Deutschland. Den Reader gibt es zum kostenlosen Download bei der Heinrich-Böll-Stiftung.

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Das Dax-Unternehmen Wirecard ist pleite und unsere zuständigen Aufsichtsbehörden haben offensichtlich versagt. Die Financial Times hatte aufgrund ihrer investigativen Recherchen schon vor einiger Zeit auf viele Ungereimtheiten aufmerksam gemacht. Dafür wurden dann die FT-Journalisten mit Anzeigen und Ermittlungen unserer Aufsichtsbehörden bedroht und waren Überwachungsmaßnahmen ausgesetzt. Einer der Journalisten, Dan McCrum erzählt in einem kurzen Video, wie es ihm dabei ergangen ist.

Video des Tages: Kommissarin Lund / The Killing

In der ARTE-Mediathek gibt es alle drei Staffeln von „The Killing“ zu sehen, einer dänisch-deutschen-norwegischen Produktion, die vor Jahren mal als Kommissarin Lund auf ARTE zu sehen war. Die erste Staffel ist von 2007 und ich war früher begeistert, wie spannend, politisch und gut umgesetzt die Serie war. Und ich frag mich immer noch, wo ich die Titelmelodie zum Download finden kann.

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Viele Grüße und bleibt gesund,
Markus Beckedahl

Ich freue mich immer über Feedback und gute Hinweise. Meine Mailadresse ist markus@np. Ich bin zwar häufig von zu vielen eMails überfordert und bekomme nicht alle beantwortet. Aber ich lese alle Mails.

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