[bits] Knietief im Verschwörungssumpf

Hallo,

die Bundesregierung hatte am Mittwoch die Unterstützung für das PEPP-PP-Konsortium beschlossen, das eine Technologie und App für die Identifikation von möglichen Infektionsketten entwickeln will. Damit schien der Weg frei für eine Lösung, hinter der sich alle versammeln könnten. Das scheint aber nicht der Fall zu sein, momentan gibt es verschiedene Gruppierungen und Interessen, die sich um eine mögliche Ausrichtung streiten. Wissenschaftler:innen, die einen gemeinsamen dezentralen Ansatz offen entwickelten, sind jetzt im Streit aus dem Konsortium ausgetreten. Sie werfen den Machern Intransparenz und Gemauschel vor. Einige Köpfe hinter PEPP-PP hatten deshalb heute kurzfristig zu einer virtuellen Pressekonferenz geladen, um auf einige Vorwürfe einzugehen. Über den aktuellen Verlauf der Debatte berichten Chris Köver und Ingo Dachwitz: Richtungsstreit unter den Entwickler:innen der Corona-Tracing-Technologie.

Auf EU-Ebene wird auch über das Thema Kontaktverfolgung gesprochen. Deutsche Europapolitiker sind skeptisch, ob alle europäischen Corona-App-Ansätze wirklich freiwillig und mit ausreichendem Datenschutz ablaufen können. Alexander Fanta hat sich umgehört: EU-Abgeordnete hinterfragen Contact Tracing.

Vergangene Woche hat das Robert-Koch-Institut unerwartet eine weitere Corona-App veröffentlicht. Nutzer:innen von Fitnesstrackern und anderen Devices werden gebeten, freiwillig und nicht anonym mit einer „Datenspende“ an einer Messung von Pulsdaten mitzumachen, um eine Fieberkarte für Deutschland zu erstellen. Die App warf einige Fragen auf. Chris Köver hat jetzt mit dem verantwortlichen Leiter gesprochen, der ihr zumindest einen Teil der offenen Fragen beantworten konnte: Ein Fieberthermometer für Deutschland.

Vor drei Tagen hatte ich die Wiener Netzjournalistin Barbara Wimmer exklusiv für diesen Newsletter über ihren neuen Cyber-Krimi „Tödlicher-Crash“ interviewt. Das Gespräch gibt es jetzt auch als Schriftform auf netzpolitik.org.

Wissenswertes zum Coronavirus

Die Heidelberger Anwältin Beate Bahner hat sich in den vergangenen Woche als eine Ikone des rechtlichen Widerstands gegen restriktive Corona-Maßnahmen zu profilieren versucht. Dabei scheute sie vorher und aktuell nicht die rhetorische und physische Nähe von Rechtsradikalen und Reichsbürgern (mal nicht gegendert, ich erlebe in der Regel in dem Milieu nur Männer). Vergangene Woche gab es den Höhepunkt in ihrer Geschichte, als sie erst mal Reichsbürgerhaft eine Widerstandsverordnung auf ihrer Webseite veröffentlichte und im weiteren Verlauf des Wochenendes verwirrt auf der Straße von Polizisten aufgesammelt und in eine Psychiatrie gebracht wurde. Christian Rath beschreibt auf LTO, warum es sich eher um einen tragischen Absturz handelt und nicht um einen staatlichen Versuch, eine Kritikerin mundtot zu machen, wie Corona-Leugner:innen gerade vertreten.

Apropos Corona-Leugner:innen, da kann doch Xavier Naidoo gar nicht weit weg sein. Und in der Tat, er ist ganz vorne mit dabei und verfolgt weiter das Ziel, durch seine Popularität mehr Menschen mit seinen wirren Verschwörungsmythen zu radikalisieren. Für Vice hat Sebastian Meineck das recherchiert. Naidoo bewegt sich dabei im Sumpf der QAnon-Mythen. Die sind so irre, dass eigentlich kein normal denkender Mensch daran glauben sollte. Aber trotzdem tun es viele. Und auch Trump wird von diesen Netzwerken massiv unterstützt.

Google hat einen Hilfsfonds für lokale Medien aufgelegt. Über die Pläne und Reaktionen berichtet das @mediares Medienmagazin im Deutschlandfunk. Ich fände es ja besser, wenn Google mehr Steuern zahlen müsste, um daraus dann einen demokratischen Hilfsfonds zu bauen. So ist das eher als politische und mediale Landschaftspflege zu sehen.

Da gerade viele Menschen weniger Bahn fahren als sonst, verteilt die Deutsche Bahn Gutscheine für Besitzer:innen einer Bahncard. Aus mir unerfindlichen Gründen ist man nicht willens, automatisiert die Gutscheine einfach an alle Bahncard-Besitzer:innen zu verschicken, sondern man muss sich proaktiv melden und ein Formular ausfüllen. Ich hab es eben gemacht und bin auf den Gutschein gespannt.

Was genau die PR-Agentur Storymachine (von Ex-Bild-Chefredakteur Kai Diekmann mitgegründet) jetzt mit der PR-Aktion für die Corona-Studie in Heinsberg zu tun hat, beschäftigt den Deutschen PR-Rat. Auslöser für ein förmliches Prüfverfahren ist ein möglicher Verstoss gegen das Transparenzgebot. Hans-Martin Tillack hat für den Stern einige Hintergründe recherchiert: Heinsberg-Studie: Deutscher PR-Rat prüft Vorgehen der Agentur Storymachine. Fun-Fact: Per Medienanwalt lässt Storymachine mitteilen, dass sie sich nicht betroffen fühlen, weil man keine PR-Agentur sei und deshalb den Selbstkontrollorganen der Branche nicht unterliegen würde. Darauf muss man erst mal kommen! Passenderweise hat das Wirtschaftsmagazin Capital das interne PR-Konzept zugespielt bekommen und berichtet daraus.

Was sonst noch passierte:

Der Personalausweis der Bundesrepublik Deutschland hat seit zehn Jahren auch digitale Funktionen. Eine dieser Möglichkeiten war bisher nicht öffentlich bekannt und ist auch nicht offiziell dokumentiert. Der Ausweis kann Zwei-Faktor-Authentisierung nach dem Standard FIDO („Fast IDentity Online“). Allerdings muss man dazu nicht nur Staatsbürger sein, sondern neben dem Dokument auch noch ein Lesegerät kaufen und Software vom Staat installieren. Damit bleiben kommerzielle Security-Tokens sowohl günstiger als auch vertrauenswerter.

Anfang des Jahres war das Überwachungs-Startup Clearview kurz weltbekannt. Das Unternehmen hatte sich drei Milliarden Bilder aus sozialen Medien kopiert und damit seine Gesichtserkennungssoftware trainiert. Die eigenen Services verkaufte man an Unternehmen, reiche Privatpersonen und Sicherheitsbehörden, um automatisierte Überwachungssysteme damit zu betreiben. Aktuell hat das Unternehmen ein Datenleck zu verkünden, weil ein Server falsch konfiguriert war, Dabei wurden unter andere der Sourcecode und Aufnahmen von Überwachungskameras kopiert.

Audio des Tages: Digitale Kunst

Der Lakonisch Elegant Podcast von Deutschlandfunk Kultur behandelt in der aktuellen Ausgabe „Digitale Kunst – Krisenhype oder Zukunftsmusik?

Video-Tipps fürs Wochenende

In der ARD-Mediathek gibt es die Geschichte der Seuchen in mehreren Teilen. Das ist nicht nur spannend für den historischen Kontext, man ist danach auch ganz froh, dass wir nur vor dem Problem Covid-19 stehen und andere vor uns zum Glück schon Pocken und dergleichen ausgerottet haben.

Über die Umsturzpläne rechtsextremer Sicherheitskräfte rund um Nordkreuz und Co berichtet die ZDF-Dokumentation „Angriff von innen“.

Edward Snowden kommentiert im Gespräch mit Vice die globalen Entwicklungen, dass die Coronakrise auch zum Ausbau von massiven Kontroll- und Überwachungsinfrastrukturen missbraucht wird, die dann im Anschluss für andere Zwecke ausgeweitet werden.

Bei Al Jazeera gibt es eine gekürzte Version der ausgezeichneten Dokumentation „Truth in a Post-Truth World“ über die kollaborativen Fact-Checker von Bellingcat.

Das war es für heute. Viele Grüße und bleibt gesund,
Markus Beckedahl

Ich freue mich immer über Feedback und gute Hinweise. Meine Mailadresse ist markus@np.

Diesen Newsletter kann man hier abonnieren.

Im Anfangsstadium gibt es hier keine zusätzliche Redaktion und Qualitätskontrolle. Rechtschreibfehler werden zwar vermieden, können aber auftreten und müssen in diesem Fall leider auch behalten werden. Dieser Newsletter wird auch von vielen Spenden im Rahmen der freiwilligen Leser:innenfinanzierung von netzpolitik.org ermöglicht. Mit Deiner Unterstützung können wir noch viel mehr machen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.