[bits] Schulen brauchen offene Infrastrukturen

Hallo,

die Schul-Osterferien sind vorbei und der Lockdown der Schulen dauert an. Abschlussjahrgänge sollen, zumindest in Berlin, erst in zwei Wochen wieder starten. Alle anderen ziehen irgendwann nach. Das kommt nicht ganz unerwartet, aber langsam werden zurecht viele Eltern und Lehrer:innen nervös, die sich fragen, wie man denn Unterricht abseits von verschickten PDFs mit Aufgaben zum Ausdrucken digital gestalten kann. Denn das überfordert schon viele Eltern, nicht alle haben einen Drucker zuhause.

Eine Option sind natürlich Videokonferenzen. Viele in Politik und Verwaltung nutzen gerade Zoom. Einfach weil der Dienst bei vielen funktioniert, wenn man rechtliche und technische Fragestellungen wie Datenschutz und IT-Sicherheit einfach ignoriert. Aber eigentlich möchte man das nicht nutzen. In einer idealen Welt hätte unser Bildungssystem offene und vor allem datenschutzfreundliche Alternativen für alle. Das wäre kein Hexenwerk, wenn man sich rechtzeitig darum gekümmert hätte. Hat man aber in der Regel nicht.

Gestern ging eine Checkliste des Berliner Senats herum, die klare Anforderungen an Systeme formulierte, ohne überhaupt eine Empfehlung rauszugeben, was Lehrer:innen und Schulen jetzt einsetzen sollen. Zumindest in Berlin scheint die Situation zu sein, dass Schulen und Lehrer:innen selbst darüber entscheiden sollen, was man einsetzt. Viele Lehrer:innen und Schulen fühlen sich jetzt alleine gelassen.

Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, die gerade offene Infrastrukturen zur Verfügung stellen, indem sie offen zugängliche Jitsi- und BigBlueButton-Instanzen aufsetzen. Das Engagement ist toll. Aber im Verwaltungsalltag, in dem sich Lehrer:innen befinden, ist das alles auch wieder nicht ganz kompatibel. Und wer schon mal 25 Personen in einem Jitsi-Videocall versammelt hat, weiß, dass das auch unter technisch-versierten Menschen zu Frustration führen kann. Wichtiger wäre es, wenn die Bundesländer die Infrastruktur zur Verfügung stellen könnten, samt Anleitungen und Datenschutzerklärungen, so dass Lehrer:innen sich auf ihre Kernqualifikation konzentrieren können: Unterrichten.

Helft uns: Wo gibt es positive Beispiele für offene Lernumgebungen

Wir haben uns bei netzpolitik.org für diese Woche vorgenommen, mehr Projekte vorzustellen, die zeigen, dass man sich nicht von Zoom, Microsoft Teams oder anderen geschlossenen Systemen abhängig machen muss, die zwar gerade funktionieren, aber wo man nicht mehr souverän ist.

Wenn Ihr tolle Beispiele habt, wie Schulen, Kommunen und Bundesländer mit der Situation umgehen und wo es schon gute Beispiele, und Schulungsunterlagen für Lehrer:innen und Eltern gibt, dann schickt uns die und wir bereiten die besten Hinweise und Beispiele auf. Dabei geht es auch darum, gute Anleitungen zur Nutzung von von offenen Systemen wie Jitsi, BigBlueButton oder anderen Alternativen zusammenzustellen, die man Lehrer:innen und Eltern geben kann, wenn sie sich dafür entscheiden. Die Nachfrage ist gerade da und es wäre schön, wenn wir dieses Momentum mit unterstützen könnten, um offene Bildungsmaterialien und offene Bildungsinfrastrukturen populärer machen könnten.

Schickt mir Links und Hinweise an markus@netzpolitik org. Wir bleiben dran.

Neues bei netzpolitik.org

Die Debatte um mögliche Strategien zur Entwicklung von Apps zur Verfolgung möglicher Infektionsketten wird weiter geführt. Rund 300 Wissenschaftler:innen aus der ganzen Welt fordern jetzt, dass Maßnahmen zur Kontaktverfolgung mit Apps die Privatsphäre der Bürger:innen achten sollen. Damit kritisieren sie indirekt das von der Bundesregierung favorisierte PEPP-PT-Modell, das momentan leider immer noch weitgehend eine Blackbox ist. Chris Köver fasst den offenen Brief zusammen: Forscher:innen warnen, Kontaktverfolgung könne zur Überwachung missbraucht werden.

Wissenswertes zur Coronakrise

Zeit-Online hat den Initiator des PEPP-PT-Projektes interviewt. Der Unternehmer Christian Boos geht dabei auf einige Kritikpunkte ein.

Der Radical AI-Podcast hat die Privacyforscherin Sega Gurses interviewt. Seda vertritt eine kritische Meinung zum zentralen PEPP-PT-Ansatz und kann das gut begründen.

Für die Aktuelle Stunde im WDR hat der Journalist Jörg Schieb die Unterschiede zwischen Standortdaten, Bewegungsdaten und Kontaktdaten visualisiert.

Der Krisenstab der Bundesregierung überwacht die aktuelle Lage in der Corona-Krise in Deutschland. Dabei entsteht ein regelmäßiges Lagebild mit aktuellen Zahlen und Entwicklungen in Deutschland. Dies wird leider nicht veröffentlicht, aber Frag den Staat hat eine Kopie zugespielt bekommen und Platz auf seinem Server geschaffen. Aus erster Quelle kann man sich über die aktuelle Lage (mit Stand des vergangenen Donnerstag) aus dem Papier informieren.

Am vergangenen Samstag demonstrierten viele Anhänger von diversen Verschwörungsmythen vor der Volksbühne in Berlin gegen die Coronakrise. Die Ansammlung an Corona-Leugnern und weiteren Irren schafft es sogar in die TV-Abendnachrichten. Etwas irritiert sah ich einen unkritischen Fernsehbericht, der nicht einordnete, wer sich da warum versammelte. Matthias Meisner ging das ähnlich und hat das im Tagesspiegel thematisiert: Querfront-Protest an der Volksbühne – Wie die ARD Verschwörungstheoretikern auf den Leim ging.

Eine gute Einordnung zu den Gründen, warum Menschen Verschwörungsmythen anhängen, hat der Religionswissenschaftler Michael Blume bei Scilogs veröffentlicht: Das Coronavirus zwischen Wissenschaft und Ärzteverschwörung. Das war der spannendste Artikel, den ich am Wochenende gelesen. habe. Er ist lang, aber inklusive historischen und sozial-psychologischen Einordnungen.

Mai Thi Nguyen-Kim hat sich für ihr maiLab-Format auf funk angeschaut, wie am Beispiel von drei prominenten Virologen Wissenschaftskommunikation funktioniert. Oder auch nicht. 17 Minuten Unterhaltung mit viel Bildung.

Was sonst noch passierte:

Wahlkämpfe auf Facebook sind ein schmutziges Geschäft, denn den vielfältigen Möglichkeiten für gezielte und manipulative Kampagnen setzt der Konzern bisher nicht ausreichend Mittel entgegen. Beispielweise im Fall der Europawahlen in Polen: Dort gaben Parteien im Vorjahr rund eine Million Euro für Wahlwerbung aus. Ein knappes Viertel der Werbeeinschaltungen machte dabei entgegen Facebooks eigenen Regeln allerdings keine oder nur irreführende Angaben darüber, wer sie bezahlte. Das fand die polnische NGO Panoptykon heraus, ihr Bericht ist seit heute online. Nach Zählung von Panoptykon brauchte Facebook im Schnitt eine Woche, um Werbung ohne Angaben über den Geldgeber zu entfernen. Die NGO fordert, dass Facebook europaweit umfassenden Transparenzpflichten unterliegen solle.

Die Australian National University hat von den Studierenden verlangt, dass sie sich ein Monitoring-Programm namens Proctorio auf ihren persönlichen Rechnern installieren, um sie bei Fern-Prüfungen zu überwachen. Das Programm arbeitet mit Gesichtserkennung, lauscht auf Hintergrundgeräusche und überwacht Tastatureingaben. So sollen Täuschungsversuche erkannt werden. Studierende protestieren gegen die Tele-Überwachung.

30 Euro für die Mitnahme der Mobilfunknummer bei Anbieterwechsel blechen klingt zu viel? Das findet auch die Bundesnetzagentur und hat freenet, 1&1 Drillisch, 1&1 Telecom und Telefonica maximale Portierungsentgelte von 6,82 Euro brutto angeordnet. „Nach den telekommunikationsrechtlichen Vorgaben zum Kundenschutz dürfen Verbrauchern nur die Kosten in Rechnung gestellt werden, die einmalig beim Wechsel entstehen“, heißt es in der Pressemitteilung. Die betroffenen Unternehmen konnten das aber nicht nachweisen.

Wir kennen die Diskussion vor allem bei selbstständigen Lieferdienstfahrer:innen: Offiziell sind sie meist selbstständig beschäftigt, real aber von ihrem Auftraggeber abhängig wie Angestellte. Breitband hat sich des Themas nochmal angenommen und hat Arbeitsrechtler und Gewerkschafter befragt.

Twitter hatte das US-Justizministerium verklagt, weil das Unternehmen Informationen zu Überwachungsanfragen in seinen Transparenzberichten veröffentlichen wollte – aber nicht durfte. Twitter blitzte nun vor Gericht ab, da sonst die nationale Sicherheit gefährdet werden könnte. Ein altbekanntes Argument. Twitter hat daraufhin angekündigt, weiter für Transparenz kämpfen zu wollen.

Audio des Tages: Turing Bytes

Beim WDR gibt es das einstündige Hörspiel „Turing Bytes – Die Geheimnisse des Computerpioniers Alan Turing“ von Nika Bertram zu hören.

Video des Tages: Tales from the loop

Am Wochenende hab ich „Tales from the loop“ auf Amazon Prime gesehen und war begeistert. Die passende Kurz-Rezension hat der Journalist und Filmemacher Mario Sixtus auf Twitter geschrieben:

„#TalesFromTheLoop ist wirklich eine ganz große kleine Serie um Zuneigung, um Liebe und um Vergänglichkeit, gebaut aus viel Traurigkeit, viel Hoffnung, noch mehr Zauber, dazu ganz verwegen viel Zeit um zu erzählen; und all das getarnt als Science-Fiction-Serie. Episode acht, die letzte, beste und traurigste, übrigens unter der Regie von Jodie Foster.“

Das war es für heute. Viele Grüße und bleibt gesund,
Markus Beckedahl

Ich freue mich immer über Feedback und gute Hinweise. Meine Mailadresse ist markus@np.

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