[bits] Social Distancing im Aufzug

Hallo,

Ostern ist überstanden und es geht so weiter wie in der vergangenen Woche: Irgendwas mit Corona-Apps. Über die vergangenen Tage haben sich diverse Politiker:innen mit unterschiedlichen eher weniger hilfreichen Vorschlägen zu Ansätzen gemeldet und es fällt immer schwerer, über die eine App zu sprechen.

Ich hab das am Wochenende versucht und dem Dokumentarfilmer Stephan Lamby per Video-Chat einen kurzen Überblick über die Debatte gegeben. Das rund 30 Minuten lange Gespräch gibt es bei dbate.de.

Mittlerweise haben auch Gogle und Apple angekündigt, auf Betriebssystem-Ebene die Entwicklung von Corona-Apps zur Nachvollziehbarkeit von möglichen Infektionsketten zu unterstützen. Alexander Fanta und Chris Köver haben darüber berichtet: Apple und Google schaffen globalen Standard.

Heute haben der Bundesgesundheitsminister, der hessische Ministerpräsident, der Kanzleramtsminister, der hessische Gesundheitsminister und der Chef der hessischen Staatskanzlei die Uniklinik Gießen besucht. Das wäre für diesen Newsletter nicht so spannend, wenn es nicht ein tolles Bild von dem Besuch geben würde, wie sich die gesamte Delegation in einen engen Krankenhausaufzug drängt und sehr anschaulich zeigt, wie man Social Distancing nicht betreibt. Vorbildfunktion und so. Außerdem sind die Personen alle relevant für ein funktionierendes Krisenmanagement, da müsste man schon etwas auf die Hygiene-Basics achten. Jens Spahn musste auf dem Weg dahin vor laufenden Kameras noch erklärt werden, dass er seine Maske falsch herum aufgesetzt hat.

Neues von netzpolitik.org

In den letzten Monaten hat die Debatte um eine Reform des Jugendschutzes in Deutschland wieder Fahrt aufgenommen. Es gab eine Konsultation zu einem Referentenentwurf des Bundesfamilienministeriums. Dominic Lammar fasst die Debatte zusammen: Reformversuch für einen Dinosaurier.

Mit einem neuen Jugendportal will die rechte Szene Anhänger:innen ködern. Die Macher:innen haben enge Verbindungen zu AfD-Politikern und ins rechtsextreme Milieu. Wer hinter den Artikeln steckt, soll geheim bleiben. In einer Kooperation mit dem Spiegel-Jugendportal bento.de hat Daniel Laufer dem hinterher recherchiert: Virale Propaganda.

Wissenswertes zur Coronakrise

Gute Nachrichten für Heuschnupfen- und/oder Asthma-Geplagte: Damit wird man nicht automatisch zur Risikogruppe, wie aktuell wohl Stand der Forschung ist.

Könnte der Bundestag in Pandemie-Zeiten auch virtuell tagen? Juristisch und politisch ist die Frage nicht trivial. Dem steht das Grundgesetz im Weg und die Opposition hat gerade keine Lust, auf die Schnelle im Krisenfall das Grundgesetz zu verändern, was ich gut verstehen kann. Ausschuss-Sitzungen könnten aber virtuell stattfinden (Bitte aus Sicherheitsgründen kein Zoom!). Über die Debatte und Hintergründe berichtet die Süddeutsche Zeitung: Wie der Bundestag virtuell tagen könnte.

Zeit-Online hat ein Interview mit dem Soziologen Wilhelm Heitmeyer über die Frage gemacht, ob die Coronakrise die Gesellschaft zusammenführt. Er ist da leider sehr skeptisch: „In der Krise wächst das Autoritäre“.

In der schwer von der Coronakrise geschüttelten Lombardei gehen italienische Behörden nun mit Drohnen auf Infiziertenjagd – samt himmlischer Kontrolle der Körpertemperatur. Zuverlässig scheint das zwar nicht zu funktionieren, aber Hauptsache irgendwas mit Technik.

Was sonst noch passierte:

Die ehemalige EU-Abgeordnete Julia Reda fängt jetzt bei der Gesellschaft für Freiheitsrechte an. Mit ihrem von der Shuttleworth Foundation finanzierten Projekt „control ©“ will sie zukünftig mit strategischen Klagen vor Gericht ziehen und für Kommunikationsfreiheiten in Zeiten eines ausufernden und restriktiven Urheberrechts kämpfen. Darüber schreibt sie in ihrer Kolumne bei bei Heise-Online und wurde vom Logbuch-Netzpolitik sowie von Spiegel-Online interviewt. Passend dazu wies sie heute auf Twitter daraufhin, dass in Frankreich die Macron-Rede zur Lage in der Coronakrise Uploadfiltern bei Youtube zu Opfer fiel, weil ein Fernsehsender automatisierte Urheberrechtsansprüche anmeldete. Also genau das, wovor sie und wir in der Urheberrechtsdebatte immer gewarnt haben.

Animal Crossing ist ein digitales Phänomen, das ich bisher noch nicht verstanden habe. Das Spiel aus dem Nintendo-Universum scheint eine Art „Die Sims“ auf asiatisch zu sein und ist gerade aufgrund eines neuen Releases für die Switch wieder sehr populär. In China darf es aber aktuell nicht mehr verkauft werden, weil kreative Hongkong-Protestierende die offene Spielewelt genutzt haben, um auf ihre Anliegen für ein freies Hongkong hinzuweisen. Spannend: Animal Crossing removed from sale in China amid Hong Kong protests.

Der Tech-Kritiker Evgeny Morozov und ein kleines Team kuratieren seit einigen Monaten „The Syllabus“. Das Projekt will aus tausenden wissenschaftlichen Neuerscheinungen jede Woche die Besten auswählen und so die Spreu vom Weizen trennen. Dabei muss es nicht immer um Technik und Netzpolitik gehen. Zur Auswahl stehen unter anderem thematische Sammlungen rund um Kunst, Politische Ökonomie oder Aktivismus.

Mit einer Fotostrecke illustriert Politico, was gegen Videoüberwachung mit Gesichtserkennung (individuell) hilft und was nicht. Ausgestattet mit einem kostenlosen Schnupper-Account des Marktführers Amazon warf das Team unterschiedlich manipulierte Aufnahmen in dessen Rekognition-Software. Fazit: Schminke, falsche Bärte oder Sonnenbrillen bringen so gut wie nichts, Aussicht auf Erfolg haben derzeit nur Ansätze wie Masken, die zumindest weite Teile des Gesichts verdecken.

Video des Tages: Quo Vadis Gesichtserkennung

Am Wochenende sollte eigentlich das traditionelle Easterhegg des Chaos Computer Club stattfinden. Aufgrund der aktuellen Situation wurde daraus ein dezentrales „Hidden Service – Ein Digital Verteiltes Online-Chaos“. Auf media.ccc.de finden sich bereits diverse Video-Mitschnitte von den Talks. Besonders empfehlen möchte ich den Vortrag „Quo Vadis Gesichtserkennung“ von starbug mit dem aktuellen Stand der politischen und technischen Debatte über Gesichtserkennung.

Das war es für heute. Viele Grüße und bleibt gesund,
Markus Beckedahl

Ich freue mich immer über Feedback und gute Hinweise. Meine Mailadresse ist markus@np.

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