[bits] Telegram ist nicht so sicher, wie das Image verspricht

Hallo,

der Messenger Telegram erfreut sich zunehmender Beliebtheit, und das nicht nur bei Menschen, die sich vor Impfungen fürchten und Donald Trump als Erlöser feiern.

Die Stärke von Telegram liegt in Push-Nachrichten. Wer heute ein gut laufendes Geschäft mit Verschwörungsideologien oder einfach nur den nächsten Hasskanal aufbauen möchte, kommt derzeit an Telegram nicht vorbei. Das ist etwas überspitzt gesagt, weil Telegram auch für andere Zwecke gerne genutzt wird, unter anderem wegen der praktischen Gruppenfunktionalitäten.

Kaum jemand interessiert es, dass dahinter undurchsichtige Firmen-Strukturen stecken, ganz im Gegenteil: Diese halfen sogar beim Aufbau eines Image als Outsider, von Putin aus Russland verdrängt und dazu kein US-Firmensitz wie Whatsapp. Das reicht für viele Nutzer:innen als vertrauensbildende Maßnahme, um dem Dienst sensible Kommunikation anzuvertrauen.

Dann ist es auch egal, wenn Telegram das Image vertritt, nicht mit Staaten und Sicherheitsbehörden zusammenzuarbeiten, wir aber in offiziellen EU-Dokumenten lesen können, dass Telegram sehr wohl irgendwie im Verborgenen kooperiert.

Vor allem hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Telegram ein sicherer Messenger sei. Unter Verschlüsselungsexperten ist es seit Jahren nicht umstritten, dass Telegram von allen gängigen Messengern die schlechteste Verschlüsselung einsetzt, wenn man sie denn zum Einschalten überhaupt findet.

Aber eigentlich ist alles noch viel schlimmer, wie Jürgen Schmidt von Heise-Security nach einigen Tests zusammenfasst: Telegram-Chat – der sichere Datenschutz-Albtraum.

Die meiste Kommunikation liegt unverschlüsselt auf zentralen Servern. Also nochmal, wer das nicht verstanden hat: Die meiste Kommunikation wird von Telegram ohne Verschlüsselung auf zentralen Servern gespeichert. Und aufgrund der dubiosen Firmenstruktur ist es vollkommen unklar, wer auf diese Server wie zugreifen kann. Und ob die Kommunikation jemals wieder gelöscht werden wird.

Viel Spaß beim nächsten intimen Chat auf Telegram.

Kurze Pausenmusik:

Dieser Newsletter wird, neben viel Herzblut, durch Spenden unserer Leser:innen ermöglicht. Hier kann man uns mit einem Dauerauftrag oder Spende unterstützen.

Wir freuen uns auch über etwas Werbung für den bits-Newsletter, um mehr Mitlesende zu bekommen. Hier geht es zur Anmeldung.

Feedback und sachdienliche Hinweise bitte an markus@netzpolitik.org schicken.

Neues auf netzpolitik.org

Löschbefehle und Uploadfilter erwarten uns bei der EU-Verordnung gegen Terrorpropaganda, die kurz vor dem Anschluss steht, wie Matthias Monroy zusammenfasst: Umstrittene EU-Verhandlungen vor dem Abschluss.

Internetanbieter kommen polizeilichen Aufforderungen zur Entfernung von Inhalten in großem Umfang freiwillig nach, trotzdem sollen sie mit einem Gesetzesvorschlag zur Kooperation gezwungen werden. Eine Einigung könnte noch unter deutscher Ratspräsidentschaft erfolgen.

===

Anna Biselli hat sich das System der digitalen Einreiseanmeldung angeschaut: Falsche Quarantäne-Anordnungen vorprogrammiert.

Wer aus einem Corona-Risikogebiet nach Deutschland reist, muss sich digital anmelden. Die Hürden für falsche Angaben sind niedrig, daher fordert die FDP-Fraktion im Bundestag Nachbesserungen.

Was sonst noch passierte:

Was haben Karl-Theodor zu Guttenberg, Philipp Amthor, August Hanning und Hans-Georg Maaßen gemeinsam? Alle hatten beruflich mit Augustus Intelligence zu tun. Die KI-Firma mit Kontakten bis hin zu Verkehrsminister Andreas Scheuer hatte aber außer heißer Luft nie wirklich ein Produkt. Das Handelsblatt beschreibt jetzt, dass rund 34 Millionen Dollar Investorengelder weitgehend verbrannt sind: Wie Augustus Intelligence die Millionen seiner Investoren verbrannte.

===

Youtube verdient ganz gut durch Verschwörungsideologien und -mythen auf der eigenen Plattform. Das ist nichts neues. Aber ein schönes aktuelles Beispiel hat Vice-Motherboard gefunden. Der Trump-Anwalt und Verschwörungsideologe Rudy Giuliani hat bei seiner letzten Pressekonferenz für die Trump-Kampagne Zusatzfeatures eingeschaltet, die den Livestream über Youtube zusätzlich monetarisiert haben: YouTube Is Cashing In on Trump’s Election Conspiracy During Giuliani Livestream. Glückwunsch Google für die Win-Win-Situation!

Zum inhaltlichen Hintergrund der Pressekonferenz gibt es bei MotherJones eine gute Analyse: Giuliani Alleges a Vast International Conspiracy to Steal the Election From Trump.
===

Manchmal ist ein Blick von außen hilfreich: Die US-Radiosendung PBS Newshour hat unsere rechtsextremen Einzelfälle in Sicherheitsbehörden seinem US-Publikum erklärt: How right-wing extremists have infiltrated German security forces.

===

In Deutschland versuchen rechte Kreise seit Jahren, den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk zusammenzuschießen und von kritischer Berichterstattung abzubringen. In Großbritannien waren dieselben Kreise schon erfolgreicher, wie man an aktuellen Entwicklungen der BBC sehen kann. NDR-Zapp berichtet darüber: BBC – Rechtsruck als „Neutralität“.

===

Spannende Videoreportage von frontal_, dem Youtube-Magazin von Frontal21: Wie Rechte die Gaming-Kultur unterwandern.

===

Am vergangenen Wochenende ging ein Werbe-Clip der Bundesregierung viral, der junge Menschen zum Fernsehschauen und Pizza-Essen aufrief. Das war lustig, vor allem weil man so einen Clip nicht von der Bundesregierung erwartet hatte. Aber ein Remix davon aus dem ZDF Magazin Royale hat die Messsage nochmal verbessert: #besonderehelden Gemeinsam NICHTS tun.

===

Bei Arte-Tracks gibt es eine Einführung in Cyberpunk: Cyberpunk – Von der Dystopie zur Realität?

Audio des Tages: Live in der Corona-Pandemie

Der Zündfunk Generator auf Bayern 2 hat eine Sendung über „Live is Life – Veranstalter*innen und Künstler*innen zur verheerenden Situation der Live-Industrie“ gemacht.

Video des Tages: Die Strategien von Abtreibungsgegner:innen

Die Arte-Dokumentation „Pro Life – Abtreibungsgegner auf dem Vormarsch“ zeigt auf, mit welchen Methoden und Strategien sogenannte „Lebensschützer:innen“ in verschiedenen Staaten agieren, um Frauen das Recht auf Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper zugunsten von Ideologien zu nehmen.

===

Das war es für heute. Viele Grüße und bleibt gesund,
Markus Beckedahl

Ich freue mich immer über Feedback und gute Hinweise. Meine Mailadresse ist markus@netzpolitik.org. Ich bin zwar häufig von zu vielen eMails überfordert und bekomme nicht alle beantwortet. Aber ich lese alle Mails.

Diesen Newsletter kann man hier abonnieren.

Dieser Newsletter wird auch von vielen Spenden im Rahmen der freiwilligen Leser:innenfinanzierung von netzpolitik.org ermöglicht. Mit Deiner Unterstützung können wir noch viel mehr machen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.