[bits] Verschwende Deine Jugend

Hallo,

das netzpolitische Topthema ist aktuell immer noch die Frage, ob man Standortdaten für die Bekämpfung des Coronavirus einsetzen darf und ob das überhaupt Sinn macht. Gesundheitsminister Jens Spahn hat diesen konkreten Punkt in seinem Entwurf zur Reform des Infektionsschutzgesetzes am Wochenende wieder zurückgezogen, wie mein Kollege Tomas Rudl gestern schon zusammenfasste: Jens Spahn lässt Testballon steigen. In der Debatte geht es auch um die Abwägung zweier Grundrechte: Das Recht auf körperliche Unversehrtheit und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Meiner Meinung nach ist es aber einfach die falsche Debatte, wenn man vom Ende her denkt. Und einfach technische Gegebenheiten berücksichtigt.

Die Idee ist doch, dass man irgendwie automatisiert (z.B. per SMS) informiert wird, wenn man in der Nähe eines Corona-Infizierten war. Wenn man positiv getestet wurde, soll der Provider die Standortdaten der letzten Tage rausgeben und mittels einer Funkzellenauswertung sollen alle informiert werden, deren Handys zur selben Zeit ebenfalls in dieser Funkzelle waren. Das Problem ist aber, dass Funkzellen eben ein ganzes Dorf oder in Großstädten ganze Straßenzüge mit hunderten und noch mehr Handys bzw. Menschen umschließen können. Die Daten sind also sehr ungenau und das dürfte eher dazu führen, dass viele Menschen verunsichert werden, obwohl sie keinen direkten Kontakt mit jemanden hatten. Es ist also eine Schnapsidee. Aber das passt gut zu der goldenen Regel: Wenn irgendetwas passiert, fordert immer irgendein konservativer Politiker die Vorratsdatenspeicherung.

Besser wären übrigens mehr Tests auf Corona. Dafür braucht es keine neuen Überwachungssysteme, die anschließend für andere Zwecke weiter genutzt werden.

Wissenswertes zum Coronavirus

Das CERT ist eine offene Community von Ärzten, Rettern, Pflegekräften, Feuerwehrkräften und vielen anderen, die sich in den letzten 20 Jahren aus dem Umfeld des Chaos Computer Clubs herausgebildet hat und unter anderem die Großveranstaltungen des CCC auf allen Ebenen mit Rettungskräften unterstützt. Auf Github findet sich jetzt eine kollaborativ erstellte Informationssammlung zum Thema Coronavirus. Tim Pritlove hat für seinen UKW-Podcast mit Sophie Bertsch darüber gesprochen.

Social Distancing hat sich mittlerweile recht schnell als temporär notwendige soziale Norm durchgesetzt. Warum das so wichtig ist, hat „Last Week tonight“ mit John Oliver in der vergangenen Woche sehr gut dargestellt.

Das Europaparlament möchte jetzt per e-Mail abstimmen lassen. Lucia Parbel fasst auf netzpolitik.org zusammen, warum die Vorgehensweise keine gute Idee ist, denn diese E-Mails sind nicht verschlüsselt und auch sonst ist das Verfahren nicht besonders sicher.

Audio des Tages: Staatstrojaner von Systemabsturz

Die Berliner Electropunk-Band Systemabsturz macht Songs über netzpolitische Fragen mit einem Schwerpunkt auf Überwachung und Datenschutz. Damit sind sie bereits auf zahlreichen netzpolitischen Events und Parties, vom Chaos Communication Congress bis zu unserer Gala der digitalen Zivilgesellschaft anlässlich des 15. Geburtstages von netzpolitik.org, aufgetreten. Ende Dezember präsentierte netzpolitik.org bereits ihre erste Single „Verdächtig“ und nun folgt mit „Staatstrojaner“ die zweite Single.

Die Single „Systemabsturz“ wird wieder unter einer Creative Commons Zero – Lizenz veröffentlicht, das heißt, sie ist damit auch explizit zum Remixen und Weiterverteilen ohne Nachfragen freigegeben. Hier gibt es die MP3 zum Anhören und zum Download.

Video des Tages: Helvetica

Wohl nur noch heute kostenlos auf Vimeo zu sehen: Eine kulturgeschichtliche Dokumentation über die Schriftart Helvetica und ihre Auswirkung auf Grafikdesign, Typografie und Marketing. Mit vielen Interviews mit Designern. Nachteil des Ansehens: Jetzt sehe ich auf einmal überall Helvetica, was mir vorher nicht bewusst war.

Virtuelle Lesung: Der Autor Tom Hillenbrand liest heute Abend um 19 Uhr aus seinem Arbeitszimmer live auf Twitch aus seinem sehr lesenswerten Science-Fiction-Buch Drohnenland vor.

DAF ist tot

Der Frontmann der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft (DAF), Gabi Delgado-López, ist im Alter von 61 Jahren verstorben. DAF ist eine der einflussreichsten deutschen Bands und hat Punk in Richtung elektronischer Musik weiterentwickelt und viele darauffolgende Künstler inspiriert. Arte Tracks hat ein 2015 ein kurzes Portrait veröffentlicht, von RBB Popsplits gibts die Entstehungsgeschichte von „Der Mussolini“ und ebenfalls auf Youtube findet sich die WDR-Dokumentation „Keine Atempause – Düsseldorf, der Ratinger Hof und die neue Musik„. Zwei Bücher zum Thema kann ich empfehlen, „Verschwende Deine Jugend“ von Jürgen Teipel, sowie „Electri_City“ von Rüdiger Esch, beide im Suhrkamp-Verlag erschienen.

Viele Grüße und bleibt gesund,
Markus Beckedahl

Meine Mailadresse ist markus@np. Ich bin zwar häufig von zu vielen eMails überfordert und bekomme nicht alle beantwortet. Aber ich lese alle Mails.

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